Alte Frau knackt Sparschwein

Armutsfalle Frauenpension?

Gesellschaftspolitik

Die Reduktion der Altersarmut ist einer der großen sozialpolitischen Erfolge in Österreich wie auch in anderen OECD-Ländern. Doch funktioniert die Absicherung im Alter für Frauen und Männer unterschiedlich gut. Während 19 % der alleinlebende männliche Pensionisten armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind, weisen alleinlebende Pensionistinnen mit 29 % ein deutlich höheres Risiko auf. Über die Ursachen und Lösungsmöglichkeiten diskutierten die Präsidentin des Ökosozialen Forums, Elisabeth Köstinger, der OECD-Länderverantwortliche für Österreich Andreas Wörgötter, die WIFO-Arbeitsmarktexpertin Christine Mayrhuber und Ulrich Schuh, wissenschaftlicher Vorstand von EcoAustria.

Pension Gap – Symptom für die Abfolge versäumter Möglichkeiten
In seinem Impulsreferat meinte Andreas Wörgötter, dass das Problem der niedrigen Frauenpensionen im Kindergarten beginne. Es bestehe ein strukturelles Problem, das von den schwächeren Mathematik-Leistungen der Mädchen in der Schule über die gendertypische Berufswahl und die Wahl der Studienfächer an der Universität bis hin zu atypischen Beschäftigungsverhältnissen reicht. Die Einkommensunterschiede im Erwerbsleben führen in der Folge zu Unterschieden in der Pensionshöhe. Österreich ist eines jener Länder in der EU, in denen die Unterschiede besonders groß sind.

Die Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile mit kleinen Kindern ist in Österreich ein Auslaufmodell. Am verbreitetsten ist das 1½-Modell, bei dem ein Elternteil ganztags und ein Elternteil Teilzeit arbeitet. Nach den Niederlanden ist die Teilzeitquote in Österreich unter den vergleichbaren Ländern am höchsten. Zusätzlich weist Österreich einen der höchsten Gender Pay Gaps pro Arbeitsstunde auf. Die Schere zwischen Männer- und Frauengehältern öffnet sich in einem Alter, in dem meist das erste Kind kommt. Mit steigendem Alter steigt auch der Einkommensunterschied. Ein Angleichen der Frauenarbeitszeit an jene der Männer würde ein ¼ % Wachstum im Jahr bringen. „Das ist ein Symptom für eine Gesellschaft die Potenzial liegen lässt“, so Wörgötter. Er empfahl ganztägige Öffnungszeiten der Kindergärten, Ganztagsschulen als Grundmodell, einen Bewusstseinswandel in der familiären Lastenverteilung, effektivere Aufklärung bei der Berufs- und Studienwahl über Karrieremöglichkeiten sowie mehr Neutralität im Steuerrecht.

Anrechnen der Kindererziehung – Tropfen auf den heißen Stein
Christine Mayrhuber, Arbeitsmarktexpertin im WIFO, wies auf den Umstand hin, dass unser Pensionssystem stabile Einkommensverhältnisse über die Lebensarbeitszeit voraussetzt. Mit der Tendenz zur Prekarisierung und der Segmentierung des Arbeitsmarktes ist diese Voraussetzung aber für immer weniger Menschen gegeben. Pro Jahr fehlender Erwerbstätigkeit sinke das spätere Pensionseinkommen um 3 bis 5 %. Nach EU-Berechnungen liegt der Gender Pension Gap für Frauen ohne Kinder bei 26 %, für Frauen mit Kindern bei rund 40 %. Die Abmilderung durch Anrechnung von Kindererziehungszeiten in unserem Pensionssystem sei da nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Die Baustellen in Österreich seien klar, meinte die Präsidentin des Ökosozialen Forums, Elisabeth Köstinger. Aber heilige Kühe wie Pensionen werden hierzulande nicht ernsthaft thematisiert. Es gäbe lediglich eine ideologische, aber keine differenzierte Auseinandersetzung. Das Europaparlament habe in der Sozialpolitik nur wenige Kompetenzen, über den Gender Pension Gap wird daher auch nicht debattiert. Bemerkenswert sei der unterschiedliche Zugang zu Familienzeiten in verschiedenen europäischen Ländern. Für einen schwedischen Abgeordneten ist es selbstverständlich, Vaterschaftsurlaub in Anspruch zu nehmen. Alles andere würde in seinem Wahlkreis auf massives Unverständnis stoßen. Seit 2005 kann in Österreich der erwerbstätige Elternteil bis zur Hälfte seiner Teilgutschrift auf das Pensionskonto dem Elternteil, der sich um die Kinder kümmert, übertragen. Dieses freiwillige Pensions¬splitting wurde aber bisher nur von 280 Elternpaaren in Anspruch genommen. Hier brauche es viel bessere Information.

Pension ist Versicherungs- und Sozialleistung
Der Pensionsexperte Ulrich Schuh argumentierte, dass Pensionszahlungen einerseits Versicherungsleistungen, andererseits Sozialleistungen seien. Die Pensionen sind Spiegel des Arbeitsmarktes, aber ein Spiegel, der vergangene Unterschiede widerspiegelt. Die durchschnittliche Pensionistin ist heute 73 Jahre alt und Mitte der 1960er-Jahre ins Berufsleben eingestiegen. Der Gender Pension Gap ist bereits durch Sozialleistungen nivelliert. Das Pensionssystem verteilt um, u. a. durch die gute Berücksichtigung der Kindererziehungszeiten und durch die Hinterbliebenenrente. Die Pensionsreformen der letzten Jahre treffen Frauen besonders stark und insbesondere die Jahrgänge 1972 bis 1990.

In der angeregten Diskussion, die auch im Publikum hochkarätig besetzt war, bestand weitgehend Konsens, dass es ein neues Geschlechterbild und eine gleichberechtigte Teilhabe am Erwerbsleben und an der Familienarbeit für beide Geschlechter brauche. Dorothea Schittenhelm kritisierte, dass es aktuell keine Wahlfreiheit für Frauen gäbe. Christine Mayrhuber plädierte dafür, nicht ausschließlich auf Freiwilligkeit zu setzen und Ulrich Schuh forderte ein höheres faktisches Pensionsantrittsalter von Männern und Frauen. Wörgötter und Köstinger argumentierten für eine evidenzbasierte Vorgehensweise und mehr Debattenfähigkeit in der politischen Auseinandersetzung Uneinig waren sich die DiskutantInnen, inwieweit die älteren ArbeitnehmerInnen eine benachteiligte Gruppe am Arbeitsmarkt seien.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema. Factsheetfrauenpension_04_2016