Hamburger mit Maßband außenrum

Durch dick und dünn – Welternährung auf dem Prüfstand

Gesellschaftspolitik Entwicklungspolitik

Einer von drei Menschen weltweit leidet unter irgendeiner Form von Fehlernährung. Auf Einladung des Ökosozialen Forums und des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung diskutierten anlässlich des Welternährungstages der Vereinten Nationen die Entwicklungsexpertin Nora Faltmann, der Ernährungswissenschafter Jürgen König, Coca-Cola-Sprecherin Marie-Therese Wagner und Agrarexperte Hans Mayrhofer über weltweite Ernährungstrends. Das Gespräch moderierte die Ernährungswissenschafterin Marlies Gruber.

Huainigg: Zero Hunger ist das Ziel
IUFE-Obmann Franz-Joseph Huainigg strich in seiner Begrüßung die alarmierenden Zahlen der hungernden und unterernährten (815 Millionen) sowie der überernährten (2,2 Milliarden) Menschen heraus. Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals – SDGs), die die Staatengemeinschaft 2015 beschlossen hat, sehen vor, bis 2030 Hunger und alle anderen Formen der Fehlernährung zu beenden. Angesichts von Konflikten und Klimawandel eine große Herausforderung.

König: Werden verzichten müssen
Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, zeigte sich skeptisch, dass bis 2030 das Hungerproblem gelöst werden könne, weil die Ursachen bis dahin nicht beseitigt sein werden. Global sind wir mit einem „Triple Burden“ der Fehlernährung konfrontiert: einem Verteilungsproblem, einem Bildungsproblem und einem Wertschätzungsproblem. Die wohlhabenderen Länder leben auf Kosten anderer und stehen daher in der Verantwortung. Man werde nicht herumkommen, dass die Bevölkerung mancher Länder auf etwas verzichten müsse. Das betrifft nicht nur die Ernährung. Eine wichtige Stellschraube, so König, ist die Bildung, vor allem jene von Frauen. Der Grundstein für die künftige Entwicklung eines Kindes – sowohl bei Über- wie bei Unterernährung – wird schon im Mutterleib gelegt. Auch sollten Nahrungsmittel höher wertgeschätzt werden. Als Alternative zu tierischen Proteinen sollten beispielsweise Hülsenfrüchte vermehrt Einzug in unsere Ernährung finden. Sie können ein wichtiger Bestanteil einer hochwertigen Eiweißversorgung sein. König warnte vor überheblichen Vorschlägen aus den Ländern des globalen Nordens zur Lösung des Hungerproblems in anderen Teilen der Welt. Erfahrungsgemäß mache das die Situation langfristig schlechter, wie man in der Vergangenheit bei Nahrungsmittelhilfen oft beobachten konnte.

Faltmann: Wahren Produktionskosten internalisieren
Nora Faltmann, die sich in ihrer Forschung im Speziellen mit Vietnam beschäftigt, sieht das Land durch einen jahrzehntelangen wirtschaftlichen Aufstieg charakterisiert, während gleichzeitig die Knappheitserfahrungen aus den Zeiten des Krieges mit den USA noch im kollektiven Gedächtnis präsent sind. Während es am Land vor allem noch bei Kindern Unterernährung gibt, gelten in den Städten teure Convenience-Produkte als Prestigeobjekte und die wohlhabenderen Teile der Bevölkerung sind tendenziell überernährt. Regionalität als Beitrag zur Nachhaltigkeit habe in der Region nicht den gleichen Stellenwert wie in Europa. Produkte aus Europa und aus den USA haben einen guten Ruf und werden vor allem auch wegen der hohen Lebensmittelsicherheit geschätzt. Faltmann betonte die Notwendigkeit struktureller Veränderungen in den globalen Ernährungs- und Agrarsystemen. Bekenntnisse zu Nachhaltigkeit von multinationalen Unternehmen bringen wenig, wenn die Menschen keinen Zugang zu Land oder Saatgut haben oder Böden ausgelaugt werden. Wenn wir für Generationen wirtschaften wollen, so Faltmann, müssen die wahren Produktionskosten in die Preise internalisiert werden. Biologische Bewirtschaftung – unabhängig davon ob zertifiziert oder nicht – ist einer Produktion ohne Rücksicht auf die natürlichen Ressourcen langfristig überlegen. Das müsse sich auch in den Preisen widerspiegeln.

Wagner: Nachhaltigkeit als Unterscheidungsmerkmal
Marie-Therese Wagner von Coca Cola wies darauf hin, dass Soft Drinks zu Übergewicht beitragen können. Ihr Unternehmen ist daher bemüht, den Zuckeranteil in den Getränken zu reduzieren. Ziel ist es, bis 2020 den Zuckergehalt um zehn Prozent zu senken. Gleichzeitig werden Verpackungsgrößen kleiner, um den Konsum je Einheit zu verringern. Einen besonders sensiblen Umgang erfordert der Wasserverbrauch. Coca Cola ist stetig bemüht, diesen zu reduzieren. Nachhaltigkeit ist für multinationale Unternehmen ein großes Thema, so Wagner. In Umfragen gibt die Hälfte der Befragten an, dass ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist. Inwieweit die Konsumentinnen und Konsumenten auch bereit sind, dafür mehr zu bezahlen, sei aber eine andere Frage. Für große Konzerne ist Nachhaltigkeit ein Merkmal, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden.

Mayrhofer: Eigentumsfrage ist zentral für nachhaltigen Umgang
Hans Mayrhofer sieht die weltweiten Ernährungssysteme auch durch das Bevölkerungswachstum herausgefordert. Zu dem von König angesprochenen Verteilungsproblem wird künftig die Herausforderung hinzukommen, dass für die für Versorgung der für 2050 prognostizierten zehn Milliarden Menschen die landwirtschaftliche Produktion insgesamt gesteigert werden müsse. Dies wird durch den Klimawandel und Verfügbarkeit von Erdöl erschwert. Darüber hinaus sind Eigentumsfragen in der nachhaltigen Landbewirtschaftung von hoher Bedeutung, so Mayrhofer. Das Wissen, über den bewirtschafteten Boden auch längerfristig verfügen zu können, ist Voraussetzung für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang. Für die Welternährung sind die bäuerlichen Familienbetriebe in allen Teilen der Welt besonders wichtig.

Im Bild (v.l.n.r. vordere Reihe): Franz-Joseph Huianigg (Obmann des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung), Marie-Therese Wagner (Public Affairs und Nutrition Communication Manager Coca Cola); (hintere Reihe): Hans Mayrhofer (Generalsekretär des Ökosozialen Forums), Florian Leregger (Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung), Marlies Gruber (Geschäftsführerin des forum. ernährung heute), Nora Faltmann (wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien), Jürgen König (Leiter des Departments für Ernährungwissenschaften der Universität Wien)
© Ökosoziales Forum/Frauwallner

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Hunger, Mangelernährung und Übergewicht weltweit