Herbst im Agrarland

Eröffnungstag Agrarpolitik 29.01.2018

Wintertagung

Am Eröffnungstag der Wintertagung wurden die inhaltlichen Eckpfeiler für das kommende agrarpolitische Jahr gesetzt. Es gab hitzige Diskussionen, etwa über die neue Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union oder über die aktuellen Marktentwicklungen. Fakt ist, dass die Herausforderungen für die österreichischen Bäuerinnen und Bauern zunehmend komplexer werden – verstärkte Abhängigkeiten von AbnehmerInnen, erhöhter Bürokratieaufwand, rasant fortschreitender Klimawandel oder die digitale Wende sind Beispiele dafür. Ob Struktur und Qualität der österreichischen Land- und Forstwirtschaft in der heutigen Form Bestand haben können, hängt von vielen Faktoren ab. Wichtige Partner, um die österreichischen bäuerliche Familienbetriebe abzusichern, sind die Konsumentinnen und Konsumenten. Einigkeit herrschte in folgenden Punkten:

  • Nachhaltige Lebensmittel gibt es nicht umsonst.
  • Kooperation entlang der Wertschöpfungskette – insbesondere mit KonsumentInnen – sowie ein fairer Wettbewerb sind wichtiger denn je.
  • Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln vor allem im öffentlichen und gastronomischen Bereich sind zentrale Forderungen der Landwirtschaft – ganz im Zeichen des Paradigmenwechsels „Vom Billigstbieter- zum Bestbieterprinzip.
  • Agrarpolitik soll bäuerliche Familienbetriebe stärken.

Evolution oder Revolution. Was braucht die neue Gemeinsame Agrarpolitik?

Agrarpolitik ist auch Gesellschaftspolitik. Für Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus, ist klar, dass die Schwerpunkte in Zukunft auf Regionalität und Nachvollziehbarkeit gelegt werden müssen: „So können wir eine Wertschätzung auf beiden Seiten sicherstellen. Auch geht es darum, darüber zu diskutieren, welches Lebensmittelmodell wir in Zukunft wollen. Für Österreich stehen die bäuerlichen Familienbetriebe im Vordergrund. Sie sind das Zentrum der Lebensmittelproduktion. Das wird auch mit aller Kraft auf europäischer Ebene verteidigt.“ Anton Hübl vom Bayerischen Staatsministerium für Landwirtschaft betonte, dass die neue GAP ab 2020 mehr Freiheiten für den „bäuerlichen Mittelstand“ bringen soll. Die anstehenden Veränderungsprozesse, die notwendig sind, um eine prosperierende Entwicklung in Land- und Forstwirtschaft abzusichern und den ländlichen Raum gut für die Zukunft aufzustellen, lassen sich gemeinsam besser steuern – vor allem, da gerade Österreich und Bayern vergleichbare Strukturen aufweisen und vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Die Diskussion mit Gertraud Grabmann von Bio Austria und Bauernbund-Präsident Georg Strasser zeigte, dass ihre Erwartungen an die Agrarpolitik ähnlich sind. Ziel ist, die bäuerlichen Familienbetriebe in den Mittelpunkt zu stellen und gleichzeitig eine möglichst innovative und naturnahe Landwirtschaft zu etablieren. Qualität ist zentral. Aber auch Leistungen für Gesellschaft oder Umwelt, die von den Bäuerinnen und Bauern erbracht werden, sollen abgegolten werden. Entscheidend ist die Zusammenarbeit wie etwa mit dem Handel. „Wir müssen den unlauteren Geschäftspraktiken entschlossen und selbstbewusst entgegentreten! Das wird ein Kampf ¸David gegen Goliath‘. Aber für unsere Bäuerinnen und Bauern bin ich bereit, diese Herausforderung anzunehmen“, ergänzt Köstinger.

„Oberstes Ziel muss sein, das Bild der Landwirtschaft realitätsnah zu zeichnen, sonst wird es von anderen gezeichnet“, so Stephan Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums. „Jetzt ist es wichtig, auf Verlässlichkeit zu setzen. Damit verlässlich in der Region eingekauft wird, brauchen wir zuverlässige Partner im Handel. Die besten Verbündeten sind aber die Konsumentinnen und Konsumenten.“ Fakt ist, dass beim Griff ins Regal auch über die Produktionsbedingungen im Inland und über die Zukunft der heimischen Landwirtschaft entschieden wird. Eine Veränderung der Gemeinsamen Agrarpolitik kann nur durch den Zusammenhalt von Bäuerinnen, Bauern und Konsumenten erreicht werden.

Von Milchseen zur Butterknappheit. Was kommt als Nächstes?

Die Entwicklungen der Märkte und darauffolgende Strukturänderungen haben uns vor allem in den letzten Jahren gezeigt, welch sensibles System die landwirtschaftliche Produktion eigentlich ist. Sie kann nicht von heute auf morgen gestoppt und wieder angefahren werden, denn Landwirtschaft ist „Lang-Frist-Wirtschaft“. Die wichtigsten globalen Entwicklungen hinsichtlich der Nachfrage werden die wachsende Weltbevölkerung und die veränderten Nahrungspräferenzen – bedingt etwa durch Einkommensänderungen – darstellen. Auf Angebotsseite spielen der technische Fortschritt sowie die nachhaltige Ressourcennutzung eine Rolle. Diese Entwicklungen haben Einfluss auf landwirtschaftliche Märkte. Damit die Landwirtschaft sich an die laufenden Veränderungen anpassen kann, bedarf es politischer Unterstützung, die allerdings nicht marktverzerrend sein sollte. Agrarpolitik ist demzufolge nicht nur Gesellschaftspolitik, sondern auch Sicherheitspolitik, denn die Versorgungssicherung, die auch mit Lebensmittelsicherheit einhergeht, hat oberste Priorität.

Wie können wir die Versorgung von morgen sicherstellen? Diese Frage stand bei der Diskussion im Mittelpunkt. Elisabeth Kern, Sprecherin für die land- und forstwirtschaftlichen Schulen in der Bundesschülervertretung, empfiehlt einen Weg weg von Ausgleich und hin zu Anreiz. Sie wünscht sich junge, professionell ausgebildete UnternehmerInnen, die keine WohltäterInnen sein müssen: Jede ihrer Arbeitsstunden soll ausreichend entlohnt werden und sie sollen in der Öffentlichkeit stolz von ihrem Beruf erzählen können. Große Chancen, um die Wertschöpfung zu steigern, sieht sie auch in Differenzierung und Direktvermarktung. In eine ähnliche Kerbe schlägt der Obmann der Tirol Milch, Stefan Lindner, der vor allem „regionale“ KonsumentInnen gemeinsam mit dem Handel von der österreichischen Qualität überzeugen will. Im Export von Qualitätsprodukten, vor allem im europäischen Binnenmarkt, sieht er außerdem eine große Chance für die österreichische Landwirtschaft. Auch der Lebensmitteleinzelhandel spürt die Tendenz der KonsumentInnen hin zu qualitativ hochwertigen und regionalen Produkten. Den Anteil heimischer Produkte zu erhöhen kann durch langfristige Planungssicherheit für die Bäuerinnen und Bauern erreicht werden. Deshalb zielt beispielsweise REWE auf offene, faire und langfristige Partnerschaften mit den BäuerInnen ab. Die steigende Zahl an Zertifizierungsprogrammen wird aber von Seiten der Landwirtschaft kritisch betrachtet.

Der Lebensmitteleinzelhandel kann zur Sensibilisierung hinsichtlich der Abläufe entlang der Wertschöpfungskette beitragen. Die konsequente Umsetzung einer Qualitäts-, einhergehend mit einer Kennzeichnungsstrategie ist für Landwirtschaftskammer-Präsident Hermann Schultes ein Schlüssel, um die qualitativ hochwertig produzierende Landwirtschaft in Österreich abzusichern und die Gesellschaft mit nachhaltigen Produkten zu versorgen. Vor allem durch den Klimawandel ergeben sich für LandwirtInnen große Risiken. Neben der Reduktion von Emissionen werden nachhaltige Klimawandelanpassungen unumgänglich sein. Bei all diesen Herausforderungen soll nicht nur die Politik Lösungen erarbeiten, sondern auch andere Akteure wie Genossenschaften oder die Bäuerinnen und Bauern selbst.

Die österreichischen Landwirtinnen und Landwirte produzieren auf hohem Niveau. Davon profitieren auch die Regionen und im Endeffekt das ganze Land. Wer sich zur österreichischen Qualität und den bäuerlichen Familienbetrieben bekennt, dem muss dieser Mehrwert de facto auch „mehr wert“ sein. Stabile Rahmenbedingungen und ein verlässliches Zusammenarbeiten auf Augenhöhe sind Grundvoraussetzungen, dass Junglandwirte Betriebe übernehmen können und wollen. Und dies ist wiederum Voraussetzung, eine nachhaltige, flächendeckende Nahrungsmittelversorgung dauerhaft sicherzustellen.

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