Digitalisierung wird oft nur als Schlagwort benutzt. Nur wenige beschäftigen sich umfassend mit den Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die Automatisierung, Big Data und das Internet der Dinge mit sich bringen. denk.stoff sprach mit dem Innovationsexperten Kurt Matzler über die  Auswirkungen der Digitalisierung auf Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsmarkt und die neue Datenschutz-Grundverordnung.


Was kommt durch die Digitalisierung in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf uns zu?

Kurt Matzler: Prognosen sind schwierig. Zum einen weil sich digitale Technologien exponentiell entwickeln. Zum anderen sehen wir immer mehr eine Kombinatorik der Innovationen auf diesem Gebiet. Das bedeutet, dass unterschiedliche Technologien miteinander verknüpft werden und daraus völlig neue Geschäftsmodelle entstehen. In Europa werden derzeit nur etwa zwölf Prozent des Digitalisierungspotenzials genutzt. Wir stehen in der Entwicklung noch am Anfang. In den USA ist man da ein bisschen weiter, aber auch dort werden aktuell lediglich 18 Prozent des Potenzials genutzt. Es liegt daher nahe, dass wir künftig noch große Veränderungen sehen werden. Experten prognostizieren, dass es noch zehn bis 20 Jahre dauern wird, bis die Industrie durchgängig digitalisiert ist. Entscheidend sind auf diesem Weg aber die nächsten drei bis fünf Jahre. In diesem Zeitraum wird sich herauskristallisieren, wer die Gewinner und wer die Verlierer dieser Entwicklung sein werden. Jene Unternehmen, die jetzt zu lange zögern, werden schon bald abgehängt werden und Versäumtes nicht mehr aufholen können.

Derzeit sind drei große Trends zu beobachten, die die nächsten Jahre prägen werden. Das ist erstens das so genannte Internet der Dinge. Prognosen zufolge werden bis 2020 etwa 50 Milliarden Dinge mit Sensoren ausgestattet und mit dem Internet verbunden sein. Dazu zählen alle möglichen Produkte: Smartphones und Tablets sowieso, aber auch Wearables, also Dinge die wir am Körper tragen und derzeit schon Standort, Herzfrequenz oder körperliche Aktivität messen. Autos sind heute schon fahrende Computer und viele davon mit dem Internet verbunden. Auch Produktionsanlagen sind heute schon so weit automatisiert, dass abgesehen von der zentralen Steuerung kaum Menschen nötig sind, um die Arbeiten durchzuführen. Das wird ein riesiger Markt und bis 2025 etwa zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung ausmachen.

Kurt Matzler

Die zweite große Entwicklung wird unter dem Begriff Big Data zusammengefasst. Immer mehr Daten werden generiert und diese Datenmenge wächst mit exponentieller Geschwindigkeit. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für Zusatzdienste, die Unternehmen anbieten können, weil das Verhalten der Kunden immer besser analysierbar wird. So können Anwendungen bereits in Echtzeit Muster erkennen, Prognosen über Kundenverhalten oder Ausfälle von Maschinen liefern und Kaufempfehlungen vorschlagen.

Die dritte große Entwicklung betrifft alles, was unter künstliche Intelligenz oder Algorithmen zusammengefasst wird. Immer mehr Entscheidungen sind automatisiert und werden selbstständig von Computern durchgeführt. Darüber hinaus finden noch weitere Trends wie Robotik und dergleichen statt.

Müssen wir uns fürchten?

Kurt Matzler: Es kommen sehr große Veränderungen auf uns zu, vor allem auch am Arbeitsmarkt. Manche Studien – wie beispielsweise eine häufig zitierte Studie von der Oxford University – gehen davon aus, dass in den kommenden zehn bis 20 Jahren in den OECD-Ländern bis zu 60 Prozent aller Jobs der Digitalisierung zum Opfer fallen werden. Ich denke, diese Studien überschätzen die Effekte der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Es wird wohl nicht ganz so schlimm kommen. Aber eines ist sicher: Viele neue Berufe entstehen, viele Berufe verändern sich.

Aber fürchten müssen wir uns nicht. Ich bin davon überzeugt, dass die Vorteile überwiegen. Rein wirtschaftliche betrachtet, wird der Nutzen rund doppelt so groß sein wie die Risiken. Eine Untersuchung versuchte die Auswirkungen für den Fall zu quantifizieren, dass man in der EU-17 die Digitalisierung verschläft. Das wäre ein Verlustpotenzial von 600 Milliarden Euro. Wenn es aber gelingt, sich erfolgreich auf die Digitalisierung einzustellen, liegt das Wertschöpfungspotenzial bei etwa 1,2 Billionen Euro – also dem Doppelten. Rein wirtschaftlich gesprochen überwiegen die Vorteile. Gesellschaftlich sind wir aber mit Risiken konfrontiert. Beispielsweise im Bereich der Beschäftigung und hinsichtlich wachsender Ungleichheit.

Das sind Themen, die man politisch angehen muss. Betroffene Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen müssen die Chance haben, sich zu qualifizieren und den Umgang mit den neuen Technologien zu lernen. Flexibilität und lebenslanges Lernen müssen künftig mehr als nur Schlagworte sein.

Die Oxford Studie hat sich nur mit dem Verlust von Arbeitsplätzen beschäftigt, aber nicht mit der Frage, wie viele neue Arbeitsplätze hinzukommen. Wie sieht das unter dem Strich aus?

Kurt Matzler: Schon allein aufgrund der Automatisierung wird es zu einem Nettoverlust an Arbeitsplätzen kommen. Das ist jedoch kein neues Phänomen. Vor über hundert Jahren haben wir 80 bis 90 Stunden in der Woche gearbeitet. Die Arbeitszeiten haben sich aufgrund von Produktionsfortschritten immer weiter reduziert und diese Entwicklung wird sich auch in Zukunft fortsetzen.

Das entsprechend zu begleiten ist Aufgabe der Politik. Weil wenn nicht entsprechend reagiert wird, wird es sicher Verlierer geben. Es werden sich nicht alle Menschen gut auf die Veränderungen einstellen können und manche werden auch keine Neubeschäftigung finden. Das alles findet dann vor dem Hintergrund wachsender Ungleichheiten statt. Die Nettolöhne und Gehälter sind seit den 1970er Jahren inflationsbereinigt um 20 Prozent gestiegen, während sich die Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum inflationsbereinigt verdoppelt hat. Historisch haben sich lange Zeit Löhne und Gehälter parallel mit dem Produktivitätswachstum entwickeln, das ist heute nicht mehr der Fall. Einer steigenden Rendite auf Kapital und die Maschinen steht eine stagnierende Rendite auf Arbeit gegenüber. Das muss die Politik angehen, sonst kann das in eine soziale Katastrophe führen.

Was raten Sie jungen Menschen, was sie werden sollen? Welche Berufe haben Zukunft? Welche nicht?

Kurt Matzler: Berufe mit Kreativität, mit zwischenmenschlichen Beziehungen und mit einer hohen Geschicklichkeit, die nicht routiniert werden können, sind in Zeiten der Digitalisierung relativ sicher. Junge Leute müssen sich aber jedenfalls von der Vorstellung verabschieden, dass sie heute einen Beruf lernen und in diesem in Pension gehen werden. Künftig werden Menschen öfter im Laufe des Lebens Beruf oder Job wechseln müssen. Da ist Flexibilität gefragt. Wir müssen und daran gewöhnen, uns permanent weiterentwickeln zu müssen, uns neue Technologien und neue Fähigkeit anzueignen.

Das heißt, man muss nicht unbedingt etwas mit Computern machen?

Kurt Matzler: Alles im Bereich von Robotics und Data Analytics sind sicher Jobs mit sehr guten Zukunftsaussichten. Aber egal welchen Job ich mache, muss ich mich mit digitalen Technogien auseinandersetzen. Ich muss mich fragen, wie ich diese Technologien in meinem Job nutzen kann, um mich als Arbeitskraft aufzuwerten und welchen Mehrwert ich dem Unternehmen bieten kann, indem ich mit diesen Technologien vertraut bin.

Silicon Valley ist das Synonym für Technologieführerschaft im IT-Bereich. Hat der Wirtschaftsstandort Europa gegenüber den USA oder auch China überhaupt ein Chance?

Kurt Matzler: Die erste Runde der Digitalisierung ist klar an die USA gegangen. Da gibt es haufenweise Zahlenmaterial, das dies eindeutig belegt. In Silicon Valley sind die wichtigen Internetgiganten entstanden und Europa hat hier den Anschluss verloren.Unter den 20 größten Internet-Unternehmen der Welt befindet sich kein einziges aus Europa, 13 aus den USA und mittlerweile sieben aus China. Allein daran sieht man, dass Europa da ins Hintertreffen geraten ist. Allerdings hat Europa in der zweiten Runde der Digitalisierung große Chancen. Beim Internet der Dinge hat Amerika das Internet. Aber wir haben die Dinge. Wir haben die Produktionskompetenz, die Exzellenz in der Produktion. Im Silicon Valley finden Sie kaum produzierende Unternehmen. Wenn es um das Internet der Dinge geht, haben wir viel bessere Chancen als die USA. Nur müssen wir jetzt aktiv werden. Und wir müssen auf Asien schauen. Da entsteht der nächste ganz große Konkurrent. China holt enorm schnell auf und investiert Unsummen in die Erforschung künstlicher Intelligenz.

Eines Ihrer Bücher heißt „Digital Disruption. Wie Sie Ihr Unternehmen auf das digitale Zeitalter vorbereiten“. Was raten Sie KMUs, also kleinen und mittleren Unternehmen?

Kurt Matzler: Bei den KMUs muss man unterscheiden. Es gibt ein paar, die sind ganz vorne dabei, das sind die Leuchttürme. Aber ein großer Teil der heimischen KMUs schläft noch. Sie laufen Gefahr, die Digitalisierung zu versäumen. Diese Betriebe müssen rasch in die Gänge kommen, das beginnt damit, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln. Vor allem in ganz kleinen Unternehmen findet man häufig die Einstellung: Meine Branche wird es schon nicht so hart treffen wird und wenn, dann erst in ein paar Jahren. Aktuell gibt noch keinen Handlungsdruck. Vielen geht es auch finanziell relativ gut und sie scheuen sich, in die Digitalisierung zu investieren, weil es nicht ihre Kernkompetenz ist. Diese Betrieben müssen einerseits das Bewusstsein entwickeln und andererseits Kompetenzen aufbauen. Viele haben das Problem, dass sie den Zugang zu den qualifizierten Fachkräften kaum finden, weil sie sich an dezentralen Standorten befinden, während sich hochqualifizierte Fachkräfte im IT-Bereich tendenziell mehr für große Unternehmen mit guten Karrieremöglichkeiten in zentralen Lagen interessieren. Hier liegt eine große Herausforderung für kleine Unternehmen.

Müssen KMUs alles in dem Bereich im Haus machen oder können sie Know-how auch von außen zukaufen?

Kurt Matzler: Natürlich müssen manche Dinge im Haus gemacht werden. Für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle gilt der Grundsatz: 90 Prozent der Geschäftsmodell-Innovationen sind nichts anderes als das Kopieren von Mustern aus anderen Branchen. Es kann schon strategisch sehr erfolgreich sein, sich zu öffnen und sich anzuschauen, was andere Unternehmen in anderen Branchen machen und sich zu fragen, was auf den eigenen Betrieb übertragen werden kann. Man muss nicht immer das Rad neu erfinden.

Wie vielen KMUs wird das gelingen?

Kurt Matzler: Über diese Prognose traue mich nicht drüber.

 Die Regelungen zum Schutz von Daten, aktuell die Datenschutz-Grundverordnung, führen zu immer längeren Geschäftsbedingungen, die die meisten von uns ungelesen akzeptieren. Ist das eine sinnvolle Entwicklung?

Kurt Matzler: Auch wenn es für Unternehmen in der Umsetzung eine große Belastung ist, sehe ich diese Datenschutz-Grundverortung sehr positiv. Um diese Regelungen beneiden uns viele in den USA. Hier haben wir die Nase vorn.

Heute sind die Menschen, die durch diese Regelungen geschützt werden sollen, schlicht überfordert sind. Wenn ich mich selbst darum kümmern muss, alle Dinge zu lesen, und davon einen Teil gar nicht verstehe, übersteigt das meine Kapazitäten. Deswegen brauchen wir parallel zu dieser Datenschutzgrundverordnung eine Initiative, die der Bevölkerung erklärt und sie schult, wie man mit digitalen Dingen umgeht. Ohne diese Bewusstseinsbildung bringt das alles wahrscheinlich – so ambitioniert der Versuch auch ist – relativ wenig.

Ist es sinnvoll, dass für Firmen wie Google die gleichen Regelungen gelten wie für kleine Sportvereine?

Kurt Matzler: Prinzipiell ist diese Verordnung richtig. Selbstverständlich haben Kleinstunternehmen ganz andere Voraussetzungen, solche Regelungen umzusetzen. Sie nutzen Daten normalerweise auch nicht in der Form wie dies Großkonzerne tun. Deshalb sollte man in der Umsetzung der Verordnung und bei der Kontrolle diese Unterschiede berücksichtigen. Ich hoffe, dass die Behörden mit Augenmaß agieren, um kleine Betriebe nicht zu überfordern.

Cambridge Analytica steht für die weitreichenden Folgen der Sammlung von Daten und die bedenklichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben können. Welche Gefahren für Demokratie, Freiheit, Sicherheit, Chancengleichheit sehen Sie? Was kann man tun? Wer ist gefordert?

Kurt Matzler: Zwei Dinge machen mir aktuell die größten Sorgen. Das erste sind Fake News. Normale Konsumenten haben heute Schwierigkeiten, aus der Fülle der Online Nachrichten jene Meldungen herauszufiltern, die nicht den Tatsachen entsprechen. Das ist schwierig.

Das andere große Thema – und Cambridge Analytica steht dafür – ist die Manipulationsgefahr. Konsumenten werden genau durchleuchtet, um ihre Präferenzen zu verstehen und dann Werbebotschaften – im Wahlkampf ist dies besonders heikel – so zu formulieren, dass sie genau auf den Adressaten zugeschnitten sind. Wenn ich nur jene Argumente verwende, für die der jeweils Angesprochene empfänglich ist, grenzt das natürlich an Manipulation.

Damit hängt unmittelbar noch ein weiteres Problem zusammen: Unterschiedliche Dienste bieten Nachrichten bereits heute zugeschnitten auf den einzelnen Empfänger an. Je öfter ich Nachrichten zu einem bestimmten Thema lese, desto öfter werden mir Artikel zu dem gleichen Thema angeboten. Das führt dazu, dass man immer mehr vorgefilterte Informationen bekommt, die den eigenen Einstellungen und Ansichten entsprechen. Dies führt zu einer Verkleinerung des Meinungsspektrums und zu sich selbst verstärkenden Einstellungen. Hier das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen wäre ein wichtiger gesellschaftspolitischer Auftrag, um den sich die Politik kümmern sollte.

 

Kurt Matzler ist Professor für Betriebswirtschaft an der Freien Universität Bozen, Gastprofessor an der Universität Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des Executive MBA-Programmes am MCI in Innsbruck.  Der zweimalige Finisher des Race Across America wird von Google Scholar unter die Top 20 Strategieprofessoren Europas gereiht.