Gemeinde Mattsee

Ein kleiner Hauptplatz, die alte Kirche und kleine Häuser, die zum Teil schon bessere Tage gesehen haben, kein Getümmel am Markt, kein Tratsch beim Bäcker und auch kein Glas Wein beim Wirten. Das ist kein Horrorszenario, das ist heute Realität in so manchem österreichischen Dorf. Hat das Leben im ländlichen Raum ein Ablaufdatum?

Der demografische Wandel hängt wie ein Damoklesschwert über den peripheren ländlichen Regionen. Während die Städte wachsen, schrumpfen die Dörfer. In 25 Jahren leben – so die Prognosen nur mehr rund 30 Prozent aller ÖsterreicherInnen im ländlichen Raum – heute sind es noch fast zwei Drittel. Darüber hinaus ändert sich auch die Bevölkerungsstruktur. Wir werden älter – vor allem am Land. Die Statistik Austria prognostiziert für 2075 eine Zunahme der über 65-Jährigen von derzeit 18 auf 30 Prozent. Das heißt: Drei Millionen ÖsterreichInnen werden dann älter als 65 Jahre sein. Das bringt Herausforderungen für alle Kommunen – im ländlichen Raum werden verstärkt durch die Binnenwanderung die Auswirkungen früher zu sehen sein.

Das Land: Ausflugsziel für viele, Lebensort für wenige

Fast jeder liebt es, das Land – zumindest als Freizeit- und Erholungsort. Das Land mit seinen Dörfern und kleinen Städten. Ob ein Spaziergang zwischen Blumen und Gräsern im Sommer oder eine Brettljause beim Bauern nach einer Rodelpartie im Winter – das Land hat viele Vorzüge. Heute sind diese vertrauten Bilder nicht mehr selbstverständlich. Sie lassen sich nur mit kontinuierlicher Arbeit und Engagement aufrechterhalten. Es sind engagierte Menschen vor Ort, die sich mit viel Leidenschaft für ihr Umfeld einsetzen und den ländlichen Raum attraktiv gestalten und lebenswert halten. Nur: Etwas lebenswert zu halten geht nur, solange noch Leben vorhanden ist. Für manche ländliche Region ziehen in dieser Hinsicht dunkle Wolken auf. 791 österreichische Gemeinden (etwa ein Drittel der Gemeinden) mussten 2011 einen markanten Wanderungsverlust von mehr als fünf Promille der Bevölkerung hinnehmen. Besonders betroffen waren die Bezirke Hermagor, Vöcklabruck, Völkermarkt, Murau und Radkersburg.

Dennoch: Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es in den ländlichen Gebieten zahlreiche Menschen, die für eine lebenswerte Region für sich und andere kämpfen. Sie zu finden ist nicht so schwierig, oft sind sie in den Gemeinden bekannt wie die bunten Hunde. Viele von ihnen reißen andere mit und bewirken eine Trendumkehr.

Zaghafter Optimismus angesichts drückenden Realismus. Diese Stimmung ist bei Menschen aus Regionen, die von Abwanderung betroffen sind, wahrnehmbar. Die Engagierten verschließen vor den Problemen nicht die Augen, sie haben alle ein klares Bild von den Herausforderungen und von komplexen Faktoren, die für die Lebensqualität in ihrer Gemeinde verantwortlich sind: Das ökologische, ökonomische und soziale Umfeld einer Gemeinde ist mit einem Spinnennetz vergleichbar. Überall gibt es Kreuzungen oder Zusammenhänge und alle Fäden gemeinsam spannen das Netz. Wenn ein Faden reißt, ist das System nicht mehr im Gleichgewicht. Das heißt, jeder Eingriff in das Netz wirkt sich aus. Deshalb ist es notwendig, dass alle Fäden (sprich die örtliche Wirtschaft, das soziale Zusammenleben in der Gemeinde oder das Angebot von Bildungsstätten) gespannt und die Knotenpunkte stabil sind.

Gibt es ausreichend Arbeitsangebot in der Region, siedeln sich Menschen an. Leben mehr Menschen in der Region, werden Bildungseinrichtungen nachgefragt. Schulen sind wiederum ein wesentlicher Grund für Familien, sich in einer Gemeinde niederzulassen. Schafft es die Gemeinde, die Fäden straff zu ziehen, sind das gute Voraussetzungen für ein intaktes Leben in der Gemeinde. Viele BürgermeisterInnen wissen um die Zusammenhänge und bemühen sich, die nötigen Fäden rechtzeitig zu spinnen. Doch wie funktioniert vorausschauendes Handeln in der Regional- oder Gemeindepolitik heute?

Für Alt und Jung

Eine vorausschauende Regionalpolitik nimmt auf die Bedürfnisse aller Altersgruppen Rücksicht – auf Jung und Alt. Um einer Überalterung der ländlichen Bevölkerung entgegenzuwirken, ist eine attraktive Infrastruktur für Familien notwendig. Das Audit „familienfreundlichegemeinde“ zeichnet Ortschaften aus, die in dieser Hinsicht besondere Initiative zeigen. Wie Schlins in Vorarlberg. Neben zahlreichen anderen Initiativen wie den Schülerlotsendienst oder den Bau eines Generationenspielplatzes engagieren sich Vereine der Gemeinde für ein Projekt, bei dem Lehrlinge Blumenkistchen anfertigen, die von Kindern der sozialpädagogischen Schule bepflanzen werden. Das alles trägt dazu bei, dass sich Menschen aller Altersgruppen in der Gemeinde wohlfühlen.

Ein weiterer Hotspot der Gemeinde- und Regionalpolitik ist die lokale Daseinsvorsorge. Unter diesem Stichwort wird jene Infrastruktur verstanden, die es BewohnerInnen im Ort erlaubt, ihre täglichen Bedürfnisse zu decken, sei es ein Arztbesuch oder der Einkauf beim Greißler. In vielen Gemeinden hat der Bau von Einkaufszentren am Ortsrand das Leben und die Dynamik im Ortskern stark beeinflusst. Von 336 steirischen Gemeinden mit weniger als 1500 EinwohnerInnen haben 172 – also mehr als die Hälfte – kein Lebensmittelgeschäft im Ort. Hier ist ein Auto für die Deckung der täglichen Bedürfnisse notwendig geworden. Mit der Schließung des letzten Lebensmittelgeschäftes verliert ein Ortszentrum meist einen wesentlichen Teil seines Charakters, weil sich das Leben aus dem Ort hinaus verlagert. Was in manchen Gemeinden nur beklagt wird, weckte in Bärnkopf, der höchstgelegene Gemeinde des Waldviertels, die Initiative der GemeindebürgerInnen. Nach der Schließung des letzten Lebensmittelgeschäfts griffen die BärnkopferInnen zur Selbsthilfe. Sie wollten diesen sozialen Treffpunkt nicht aufgeben und Fahrten von über zehn Kilometer bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit nicht auf sich nehmen. „Die letzte Alternative war, dass die Gemeinde das Geschäft selbst in die Hand nimmt. Bei der Gemeindeversammlung, bei der das Projekt besprochen wurde, sind 120 Leute gekommen“, schildert Otto Hofer, einer der Initiatoren von „Unser G’schäft in Bärnkopf“, den Rückhalt in der Gemeinde. Die BärnkopferInnen gründeten einen Verein und durch kleine Beiträge stiegen etliche auch als TeilhaberInnen in das Geschäft ein. „Alle haben das Gefühl, dass das unser Geschäft ist. Deshalb funktioniert es.“

Der Umsatz steigt und auch das Angebot konnte ausgeweitet werden. Drei Arbeitsplätze wurden geschaffen. Vor allem die älteren BernkopferInnen haben mit dem Geschäft ihren sozialen Treffpunkt erhalten können und mit regionalen Produkten wird ein weiterer gesellschaftlicher Mehrwert erzielt, der vor allem für den Tourismus wichtig ist.

Eine Dynamik im Ortskern und eine passende Infrastruktur sind Anreize für Einzelpersonen und Betriebe, sich anzusiedeln. Dadurch steigen die steuerlichen Einnahmen und das Geld bleibt in der Region. Investitionen sind für einen Standort und dessen Attraktivität notwendig. In Zeiten knapper Kassen wird dem Gemeindehaushalt künftig noch mehr Bedeutung zukommen. Je schwieriger die Situation ist, vor allem bei budgetären Fragen, umso innovativer müssen die Lösungsansätze sein. Auch hier finden sich österreichische Gemeinden, die neue Wege gehen. So hat der Regionalverband Oberpinzgau ein interkommunales Steuerausgleichskonzept entworfen. Neun Gemeinden der Region haben sich zusammengeschlossen und heben gemeinsam Kommunalsteuern ein. Diese Einnahmen werden nach einem für alle akzeptablen Verteilungsschlüssel aufgeteilt. Angesichts der sonst vielerorts beobachtbaren Praxis, im Standortwettbewerb mit „Zuckerln“ für mögliche Investoren andere Gemeinden auszubooten, ein zukunftsweisendes Beispiel. Der Lohn dafür, dass die Gemeinden über „ihren Schatten“ gesprungen sind: Die Betriebe bleiben im Ort und in der Region, Solidarität und Zusammenarbeit der Gemeinden wird geschaffen und Konkurrenzdruck minimiert.

Ein näherer Blick zeigt das Innovationspotenzial so mancher Ortschaft und welch wichtige Rolle Kooperation und Zusammenhalt der Gemeinden spielt. Der gelebte Zusammenhalt und das Miteinander sind traditionelle Merkmale dieser Regionen. Und mit ihnen steht und fällt die Zukunft einer Region. Die Herausforderungen sind gewaltig. Wenn aber eine Gemeinde oder eine Region die Herausforderungen annimmt und mit Engagement und Leidenschaft an Lösungswegen arbeitet, entsteht ein stabiles Netz, das auch in Zukunft trägt.