Unordnung im Wort Unordnung und Kinder in Warnwesten

Hier wird seit 20 Jahren an der Zukunft gebaut

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Eine Rückschau auf die GLOBART ACADEMY in Krems an der Donau

In Niederösterreich wird an der Zukunft gebaut. Was klingt wie der Slogan eines Mittelständlers auf Expansionskurs, ist in Wirklichkeit das gelebte Ideal von GLOBART, einer Denkwerkstatt, die sich für eine zukunftstaugliche Gesellschaft stark macht. Wie genau das funktioniert, zeigte sich dieses Jahr bereits zum 20. Mal auf der GLOBART ACADEMY in Krems an der Donau. Mit dem Ziel wache, kritische und tatkräftige Menschen zusammenzubringen, stehen diese drei Tage in Krems dafür, Geschichten des Gelingens zu erzählen und Raum zu schaffen für Ideen einer besseren Zukunft. Als Stipendiat hatte ich in diesem Jahr die Chance, an der GLOBART ACADEMY teilzunehmen und gemeinsam mit vielen anderen Teilnehmenden an der Zukunft zu bauen und aus Vergangenem zu lernen.

Quelle: GLOBART

Die Ideen der Ökosozialen Marktwirtschaft spielten dabei eine große Rolle und wurden durch viele Programmpunkte diskutiert und mit Leben gefüllt. Für eine Zukunft, in der wir die tatsächlichen Umweltkosten unseres Handelns kennen und als Verursacher Verantwortung übernehmen, konnte man in vielen Vorträgen Anknüpfungspunkte finden. So sprach Erwin Kräutler über seine Arbeit für den Regenwaldschutz in Brasilien und Stephan Lutter machte klar, dass unser Ressourcenverbrauch den Planeten in große Unordnung bringt. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der Vortrag von André Reichel, der von seiner Forschung zu den Grenzen des Wachstums berichtet hat.

Was vor 45 Jahren mit der Veröffentlichung des Buches Die Grenzen des Wachstums noch als Prognose begann, ist inzwischen vielfach eingetreten. André Reichel stellte darum die Frage, ob das Wachstum Grenzen haben darf. Mit einer gekonnten und ausgewogenen Beschreibung der verschiedenen Postwachstumskonzepte stellte er vor allem eines heraus: Wachstum kann nicht länger als Stellvertreter für gesellschaftlichen Fortschritt genommen werden.

In Zeiten, in denen Wirtschaftswachstum an physische und zunehmend auch an psychische Grenzen kommt, stellt André Reichel die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, den qualitativen Fortschritt der Menschheit zum Ziel zu nehmen. Damit bezieht er sich auf eine Idee, die bereits seit John Stuart Mill in der Wirtschaftswissenschaft existiert.

Wenn die Wirtschaft nicht weiter wachsen darf, muss neu darüber nachgedacht werden, wie gesellschaftlicher Fortschritt und menschliche Entwicklung erreicht werden können. Diese Herausforderung ist unbequem, denn Sie stellt bisher Gewohntes in Frage. Zum Glück wurde man bei GLOBART mit solchen Herausforderungen nicht allein gelassen. Mit seinem Vortrag zur Bedeutung der Menschenrechte in einer globalisierten Welt leistete Peter Kirchschläger zum Beispiel einen wertvollen Beitrag, um diesen Zukunftsaufgaben einen Rahmen zu geben. Als ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zeigte Elisabeth Steiner zudem, wie man Menschenrechte erstreiten kann und was dies für 840 Millionen Menschen bereits heute bedeutet.

Beim Reden über die Zukunft ist es wichtig, über die großen Zusammenhänge zu reden, genauso wichtig ist es aber auch, diese Fragen ganz nah an sich selbst heranzuholen, in die eigene Umgebung. Was könnten die globalen Herausforderungen unserer Zeit also für einen Ort wie Krems bedeuten?

Quellen: GLOBART

In Zusammenarbeit mit den Professoren Stephan A. Jansen und Friedrich von Borries stellten wir uns dieser Frage. Erklärtes Ziel unserer Gruppe aus 18 ortsfremden StipendiatInnen war, in drei Tagen herauszufinden, wohin Krems sich in Zukunft entwickeln könnte. Als erste Feststellung entschieden wir uns deshalb dazu, diesen Anspruch über Bord zu werfen, denn Kreativität kann man nicht bestellen. Daran zweifelnd, dass in der uns gegebenen Zeit tragfähige Konzepte entstehen könnten beschlossen wir, uns stattdessen auf das zu konzentrieren, was Außenstehende am besten können: Gewohntes in Frage stellen. Mit dem Wissen, dass Krems nach unserer Abreise seine Probleme selbst in Angriff nehmen müsste, versuchten wir daher, neue Perspektiven auf Bekanntes zu entwickeln und unser eigenes und unverbrauchtes Bild erfahrbar zu machen. So stellten wir fest, dass in Krems viele Möglichkeiten zur Verbesserung bestehen und konnten im Gespräch mit Anwohnern und lokalen Journalisten sogar Lösungsvorschläge für eine nachhaltigere Mobilität und mehr städtische Lebensqualität entwickeln. Unser frischer Blick entlarvte auch übersehene beziehungsweise tolerierte Probleme, so wie das fehlende Wir-Gefühl zwischen der Stadt Krems und seinem Vorort Lerchenfeld, das zwar historisch begründet aber heute nicht mehr zeitgemäß ist. Um diese Ergebnisse zu präsentieren, entschieden wir uns dazu, den üblichen Rahmen einer Präsentation zu sprengen. Es galt, erinnerbare Ereignisse zu schaffen, da man sich nur so sicher sein kann, dass der Stein auch ins Rollen gerät. Wir entschieden uns also dazu, den Bürgermeister zu entführen und kurzerhand den Empfang vom Rathaus in einen Bummelzug zu verlegen. So konnten wir unsere Ideen und die zugrunde liegenden Probleme im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Dass radikale Ideen belohnt werden, zeigte sich dann im glücklichen Gesicht des Bürgermeisters, der sich schon während unserer Rundfahrt fleißig Notizen gemacht hat und diese Fahrt in die Zukunft sicher noch lange in Erinnerung haben wird.

Ganz persönlich werde auch ich die Tage in Krems in besonderer Erinnerung behalten. Die GLOBART ACADEMY ist für mich ein Ort, an dem das Bestehende in Frage gestellt wird und Menschen gemeinsam nachdenken und Zukunft ausprobieren. Ich bin mir sicher, dass aus erinnerbaren Ereignissen so erlebbare Zukünfte werden können und wünsche GLOBART für die Zukunft alles Gute. An dieser Stelle möchte ich zudem dem Ökosozialen Forum Niederösterreich für die Finanzierung meines Stipendiums danken.

Über den Autor:

Kai Wagner lebt in Berlin und interessiert sich nach seinem Abschluss im Fach Nachhaltigkeitswissenschaft vor allem für Stadtentwicklung und die Digitale Transformation unserer Gesellschaft. Er ist davon überzeugt, dass die Ideen des Ökosozialen Forums für beide Themen von größter Bedeutung sind und es höchste Zeit ist, diese aktiv einzufordern und zu gestalten.

Quelle: GLOBART